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Der Verein Schweizer Kinder- und Jugendtheater präsentiert:

 

Ein Märchen der Gebrüder Grimm

Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter. Sie bevorzugte aber eine Tochter, obschon diese faul und vorlaut war. Die weniger geliebte Tochter hingegen war fleissig und brav. Eines Tages fiel ihr beim Spinnen die Spindel in einen tiefen Brunnen; als sie hinterher tauchte, um sie herauszuholen, gelangte sie in eine fremde Welt.

Als sie dort umherstreifte, entdeckte sie einen Ofen; darin war Brot, welches rief: «Hol' mich raus!». Die Fleissige tat wie geheissen. Kurz darauf kam sie zu einem Apfelbaum, dessen Äpfel baten, gepflückt zu werden, was sie sogleich erledigte. Schliesslich kam das Mädchen zum Haus von Frau Holle, die sie freundlich aufnahm und gut behandelte. Sie lebte bei ihr und arbeitete tüchtig mit. Immer wenn sie bei Frau Holle die Kissen schüttelte, schneite es auf der Welt. Eines Tages hatte das Mädchen Heimweh, Frau Holle liess sie ziehen; zum Abschied wurde sie mit Gold überschüttet.

Zu Hause weckte die Goldmarie den Neid ihrer faulen Schwester. Sie wollte es ihr gleichtun und tauchte ebenfalls in den Brunnen. Das Brot liess sie aber im Ofen verbrennen und die Äpfel am Baum hängen, und bei Frau Holle rührte sie auch keinen Finger. Zum Abschied gab's keinen Goldsegen, sondern Pechregen; zeitlebens konnte sich die Pechmarie nicht mehr von ihrer klebrigen Schicht befreien. Unsere Fassung hat einen etwas versöhnlicheren Schluss: lassen Sie sich überraschen …

Frau Holle hat wie viele andere Märchen der Gebrüder Grimm mythologische Wurzeln. Die Figur der Frau Holle geht auf die germanische Göttin Holla (auch Holda genannt) zurück, eine den Menschen wohlgesonnene Hausgöttin. Sie hilft den Frauen – aber nur den tüchtigen – in allen häuslichen Belangen. Nicht nur den Menschen, auch den Tieren und Pflanzen bietet sie Schutz und wurde deshalb auch als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt.

Mehrere Elemente des Märchens machen die Bedeutung Frau Holles als Fruchtbarkeitsgöttin deutlich: Brot backen, Früchte ernten, unter einer Quelle wohnen, Tüchtigkeit belohnen und so weiter. Aber was hat diese Frau Holle mit winterlichem Schneefall zu tun? Eine mögliche Erklärung, warum eine Fruchtbarkeitsgöttin im Nebenamt auch fürs Schneien zuständig sein soll, lautet: der heilige Baum der Holda ist der Holunderstrauch (daher sein Name). Wo immer sie durchzog, rieselte es weisse Holunderblüten, ähnlich wie Schnee.

In vorchristlicher Zeit wurden der Holda unter Holunderbüschen und an Quellen Opfer gebracht. Mit der Christianisierung wurden diese Praktiken natürlich verboten und diese Heidengöttin wurde kurzerhand zu einer niederträchtigen Hexe umfunktioniert.

Angeblich zieht sie nun während den Rauhnächten – die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönigstag – mit anderen bösen Geistern durchs Land. Dies zeigt sich beispielsweise heute noch in der Tradition der Urnäscher Silvesterkläuse.